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BörsenweisheitWas macht ein Gentlemen aus?

Was macht ein Gentlemen aus?

 

Für einmal keine Börsenweisheit, sondern eine Lebensweisheit: Was ist ein Gentlemen?

 

Wer oder was ist ein Gentleman?

Ein Gentleman hat nichts mit Luxus und edlen Dingen gemein, sondern er ist eine Figur aus Fleisch und Blut! Dabei handelt es sich nicht um etwas Antikes, sondern um etwas höchst Aktuelles! Der Gentleman ist nicht in einem bestimmten Milieu zu Hause. Sowohl in der High-Society, als auch in der einfachen Gesellschaft ist er zu finden! Dabei heisst "Gentle" soviel wie liebenswürdig, freundlich, ruhig, ausgeglichen, leise, gemässigt, sanft und gemächlich.

Was ein Gentleman genau ausmacht, versucht Martin Scherer in seinem Buch "Der Gentleman - Plädoyer für eine Lebenskunst" zu erklären. Ein Gentleman, so Scherer, zeichnet sich vor allem durch Selbstkontrolle, Distanz und Unaufgeregtheit aus. Bei vielen Menschen klaffen Schein und Sein weit auseinander; nicht so beim Gentleman! Er oder Sie zelebriert seine Lebenskunst im Alltag. Dabei ist ein Gentleman nicht zwingend ein männlicher Begriff sondern umfasst auch Frauen (in England ist der Begriff Gentlewomen geläufig).Sein Gentleman definiert sich durch:

  • Höflichkeit
  • Understatement
  • Gleichgewicht
  • Contenance
  • Uncoolness
  • Ironie
  • Charme


Anbei eine Betrachtung/Kritik dieses Büchleins aus meiner Sicht:



Höflichkeit

Ein besonders höflicher Gentleman

 

  • Ein Gentleman ist höflich zu allen
  • Er setzt die Höflichkeit nicht zum eigenen Vorteil ein, sondern zollt allen Menschen Respekt.
  • Er pflegt gute Umgangsformen und Manieren von Haus aus und nicht als Kalkül für Geschäft und Karriere.
"Je näher die Menschen einander kommen, desto höher ist die Verletzungswahrscheinlichkeit, desto unfreundlicher, schmerzhafter und destruktiver gestalten sich Beziehungen. Daher sind Regeln und Rituale der Distanz gerade in einer multikulti-Gesellschaft unverzichtbar."

Beispiele der gelebten Höflichkeit

  • Sich entschuldigen, auch wenn man keine Schuld hat.
  • Den Vortritt lassen, auch wenn man in Eile ist.
  • Ein Kompliment machen, auch wenn es sich nicht aufdrängt.
  • Kleinigkeiten erinnern, um sie später dem Erzähler zurückzugeben.
  • Ein Gentleman sieht hin und hört zu (feinfühlig)
  • Eine feinfühlige Person wird zum Beispiel nie overdressed zu einer Einladung in einen spärlichen Haushalt erscheinen.
  • Er wird auch niemandem das Ohr verweigern, der sich nicht so gewählt ausdrücken kann.
  • Echte Höflichkeit ist erfinderisch, Höflichkeit ist Kreativität in der Gesprächskultur, der Konversation und dem Zuhören.
"Ein Gentleman weiss sich zurückzunehmen, um eines anderen Geschichte Zeit und Raum zu geben. Er wird nicht vorschnell ein Urteil fällen, den Sprechenden nicht unterbrechen oder ihn mit allerlei guten, aber unverlangten Ratschlägen zusetzen."
"Nichts ist schlimmer, als wenn jemand sofort alles versteht und auch schon irgendwie erlebt hat, was man ihm gerade erzählt. Jede Person will und darf ihre Gefühle und Erlebnisse als einmalig respektiert wissen."

Understatement

 
Ein Gentleman kleidet sich elegant, aber ohne andere Leute damit zu beeindrucken.

Ein Gentleman ist kein lackierter Affe, der mit Reizen, Pomp und Bluff daherkommt. Das ist der Dandy!
Der Dandy schützt sich mit einem Panzer aus Stil und Coolness vor Gefühlen.
Der Gentleman aber kleidet sich so, dass die Leute auf der Strasse ihn übersehen (Oscar Wilde).
Wenn auch Dandy und Gentleman aus der Ferne oft verwechselt werden, könnte ihre Ausstrahlung auf die Menschen unterschiedlicher nicht sein:

Unterschied Dandy / Gentleman

  • Schock kontra Charme
  • Zur Schau gestellte Exzentrik vs Understatement und Eleganz
  • Stolz vs Lässigkeit
  • Marken und Luxus vs Geheimnis was Preis und Label betrifft
  • Sexuelle Demonstration vs Understatement bezüglich Körperbetonung (weniger zeigen als man könnte)

Das bedeutet aber keinen Freibrief für den Gentleman sich gehen zu lassen. Genauso wie es punkto Kleidung ein Zuviel gibt, gibt es auch ein Zuwenig!

"Die Hülle des Gentleman soll weder abschrecken noch verunsichern."

Sein Understatement dient dem Zweck, eine Atmosphäre der Gelassenheit herzustellen, in der sich die verschiedensten Personen wohlfühlen. Niemand wird durch die Gegenwart eines Gentleman düpiert oder in Verlegenheit gebracht, wie es beim Dandy der Fall ist.


Gleichgewicht

In der inneren Ruhe findet der Gentleman seine Kraft.


Ob Wildhüter, Intellektueller oder Kaufmann, hinter dem Gentleman verbirgt sich eine Lebenseinstellung, die sich weder an Status, Erfolg oder erlesenem Geschmack festmachen lässt.

  • Seine äussere und innere Haltung stimmen überein.
  • Er nimmt Rücksicht und fügt niemandem Schmerzen zu.
  • Er fügt sich dem Leid, weil es unausweichlich ist. Dem Schmerz, weil er nicht zu vermeiden ist und dem Tod, weil er seine Bestimmung ist.
  • Er ist zu weise, um Dogmatiker oder Fanatiker zu sein.
  • Er ist hellsichtig genug, um sich über religiöse Gefühle nicht lächerlich zu machen.
  • Er ist tolerant und fürsorglich.
  • Ein Gentleman will zuallererst Herr seiner selbst bleiben.
  • Grossherzigkeit und Geschenke als Widerspruch zum Egoismus
  • Der Gentleman hat den hellwachen Blick dafür, was einer Situation angemessen ist und was nicht.

Ein Gentleman ist nie in Eile
  • Er hat offenbar immer Zeit (wenigstens lässt er sich die von niemandem stehlen).
  • Lautes Sprechen und hastiges Gehen stehen ihm nicht.
  • A Gentleman will walk but never run (Song von Sting)
  • Er fertigt niemandem ab, nur wegen eines Termins
  • Er zelebriert seine Vorlieben und Genüsse statt sie schnell zu befriedigen.
  • Er kann warten
  • Er verliert nicht die Geduld
  • Er lässt gesunden Menschenverstand walten
  • Der wahre Lebenskünstler kennt keinen Neid, er kennt sich selbst zu gut!


Contenance

Pierce Brosnan als James Bond verkörpert die Contenance des Gentleman, da er sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.


Contenance bedeutet Willensstärke, Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung. Sie gilt mit Recht als Wesenszug und sicheres Erkennungsmerkmal des Gentleman.

  • Filmhelden wie James Bond, Chaplin, Bogart usw. werden zu Recht als Helden der Selbstkontrolle verehrt.
  • Viele persönliche Probleme entstehen durch Kontrollverlust.
  • Contenance bedeutet auf keinen Fall Leidenschaftslosigkeit!
  • Wichtiger als die hemmungslose Entladung einer Emotion ist dem Gentleman ein guter Ruf.
  • "Überleg dir welcher Kerl es überhaupt wert sein soll, dass du dich über ihn aufregst"
  • Zorn ist nutzlos und Zügellosigkeit führt zu nichts
  • Der Gentleman ist in der Regel zu fein, seine Emotionen unmittelbar auszuleben, nicht etwa aus einem Mangel an Temperament, sondern aus einem gewissen Stolz heraus.
  • Hinter der Contenance des Gentlemans verbirgt sich eine Art gesunde Skepsis gegenüber dem flüchtigen Augenblick, denn er weiss wie schnell sich Glück in Pech umschlagen kann.
  • Contenance ist Bewahrung der Würde und Ausdruck von Souveränität.
 

Uncool

 
Freundlichkeit und Herzlichkeit statt eiskalte Coolness, das macht den Gentleman aus.
 
Der Gentleman ist nicht cool und fühlt sich als etwas besseres. Dafür kennt sich und seine  Schwächen zu gut.
  • Seine Fähigkeit besteht in einer Alltagskunst, die Wärme ausstrahlt.
  • Charme Höflichkeit, Ironie und Gelassenheit sind seine Werkzeuge.
  • Ihn interessiert die Frage, wie das Leben untereinander verträglicher gestaltet werden kann.
  • Der Kälte der Mitmenschen begegnet der Gentleman mit Wohlwollen.
  • Er grüsst auch den mürrischen Nachbar im Treppenhaus freundlich
  • Und nimmt ein Paket für den Griesgram entgegen.
  • Ob Nahverkehr, Büro, in Geschäften oder Familien und Freundeskreis: der Gentleman übt sich in Freundlichkeit und Wohlwollen.
  • Vom Gentleman kann man getrost behaupten er sein uncool.
  • Sein Königsweg ist ein Grat zwischen Mut ohne Gewalt, Stärke ohne Härte und Stolz ohne Kälte.
 

Ironie

Ironie heisst für den Gentleman: sich und die Welt nicht ganz zu ernst nehmen.
Die Kunst der Ironie lebt von der Menschenkenntnis, die dem Gentleman gegeben ist. Mit Zynismus und dummer Provokation hat Ironie nichts zu tun. Ironie ist vielmehr eine Betrachtung der Gegensätze unserer Gesellschaft mit einer Prise Humor.
 
  • Die Ironie erleichtert den Umgang mit Widersprüchen.
  • Der Ironiker denkt immer insgeheim die Alternative, das andere Bild der Wirklichkeit mit.
  • Ironie fällt einem nicht einfach in den Schoss - der Gentleman ist geübt darin.
  • Der Gentleman betrachtet das Theater in unseren Städten und Gassen mit einem ironischen Blick aus der Ferne, der immer Neugier und Hingucken verlangt.
  • Gleich ist es mit der Selbstironie. Sich selbst nicht zu ernst nehmen bedeutet, sich neugierig aus der Ferne zu beobachten.
 

Charme

Der Charmeur in seinem Element
 
Charme ist ein sehr weiter Begriff und entsprechend schwer zu definieren. Ein Charmeur beobachtet sein Gegenüber mit Aufmerksamkeit. Seine Art zu blicken, zu sprechen oder innezuhalten, die Kleidung, Bewegungen und Eigenheiten. Damit ist der erste Schritt getan und er kann in einem Gefühl von Freiheit seinen Charme aufblitzen lassen: Er zoomt einen Menschen heran und versuchen seine Lebensart, seine Wünsche, Träume und Ängste zu erfassen. Dann lässt er seinen Charme im wahrsten Sinn des Wortes spielen: Die Komplimente treffen genau den Nerv des Auserwählten. Charme ist die List, mit der im Handumdrehen jede Panzerung überwunden werden kann.
 
  • Charme hat viele Gesichter
  • Er kann weich oder rauh, verschwenderisch oder diskret sein.
  • Charme schlägt Brücken und weicht Grenzen zwischen den Menschen auf.
  • Ein Charmeur bringt das Unvorsehbare ins Spiel und durchkreuzt das langweilige Leben.
  • Er verführt in den Zwischenbereich der Phantasie, wo die Wirklichkeit in Möglichkeit übergeht.
  • Das Wort Charme (lat. carmen) bedeutet Gesang, Lied, Gedicht aber auch Zauberspruch
  • Genau wie der Humor lebt das Schmeicheln vom passenden Wort, von der stimmenden Geste, denn erst dann ist die Wirkung entwaffnend.
  • Der Gentleman nutzt Charme nicht als Waffe sondern zur Verführung (nicht nur im erotischen Sinn,  sondern gerade auch im Geschäftlichen, um Brücken zu schlagen und Gegner in Verbündete zu wandeln).
  • Ein Charmeur nimmt sich selbst nicht zu ernst. Das Format seiner Persönlichkeit zeigt sich gerade darin, dass er seine Fehler und Unsicherheiten nicht kaschieren muss, sondern gekonnt mit der Selbstironie spielt.
Natürlich sind das nur Andeutungen zum weiten und bunten Thema Charme, das sich nicht entschlüsseln, sondern nur spielerisch erleben lässt.
 

Kritik

Scherer versucht dem Gentleman in der Literatur, dem Theater und Film auf die Spur zu kommen. Teilweise ziehen sich seine Hommagen an Roman-Figuren echt in die Länge, was das Buch nicht eben gerade zur spannendsten Lektüre macht. Leider kannte ich die von ihm zitierten Werke kaum. Damit hat ein jüngeres Publikum keine Chance seine Gedanken zu erfassen. Dabei sind es doch gerade wir jungen Männer und Frauen, die in dieser Gesellschaft ein besonderes Interesse daran haben müssen den Gentleman neu kennen zu lernen. Auch Schade ist, dass uns der Autor keine praktischen Beispiele vermittelt, wie er die Herausforderung annimmt, den Alltag als Gentleman zu meistern. Der Praxisbezug wird über die Literatur gesucht, die mir wie gesagt nicht allzu bekannt war. Dennoch gibt das Büchlein ein gutes Bild, was den Gentleman ausmacht. Wertvoll ist, dass Scherer den Gentleman in seiner Art zu fassen versucht und von verschiedenen Seiten ausleuchtet. Wer sich nach dem Lesen dieses Posts für das Thema brennend interessiert, soll das Buch kaufen. Wer nach diesem Post bereits müde vom Lesen ist, wird beim Kauf des Buches wohl nicht in Begeisterung ausbrechen.
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